Yoga-Legenden

4.000 Jahre reicht die Geschichte des Yoga in die Vergangenheit zurück – kein Wunder, dass sich in dieser langen Zeit viele Yoga-Legenden angesammelt haben. Legenden von wundersamen Begebenheiten, Göttern, außergewöhnlichen Menschen, großen Helden und phantastischen Taten. Yoga ist eben mehr als ein Sport: Es ist tief in der Mystik verwurzelt, in der Erzähltradition Indiens, in den uralten Lehren und Glaubensvorstellungen. Vor allem die Anfänge des Yoga liegen in einem dichten Nebel aus Legenden und Überlieferungen. Texte, die mehrere tausend Jahre alt sind, bilden das Fundament dieser Lehre, Texte, in denen die Welt so erklärt wurde, wie man sie damals verstand und empfand – in einer Zeit, in der die Naturwissenschaft noch keine Erklärungen für alles offenbarte, die Menschen aber offenen Auges durch die Welt gingen und ihre eigenen Erklärungen fanden. Das alles ist in die Yoga-Legenden miteingeflossen, die bis heute übermittelt werden.

Yoga-Legenden von den Ursprüngen des Yoga

Eine solche Yoga-Legende dreht sich zum Beispiel um die Ursprünge des Yoga. Es heißt, der gutmütige Gott Shiva habe zu Beginn des dunklen Zeitalters, in dem wir heute leben, seiner Gattin Parvati erklärt, dass es etwas gäbe, was die Menschen der Moderne tun könnten, um in Zeiten von physischen und emotionalen Herausforderungen zu bestehen. „In einer grobstofflichen Welt beginnt man seine Praxis mit dem Körper“, soll er gesagt haben. Um seine Aussage zu unterstützen, begann Shiva selbst, am Berg Kailash Asanas zu praktizieren.

Dabei wurde er von einem Fisch beobachtet, der im benachbarten See schwamm. Der Fisch merkte sich alle 8.400.000 Körperhaltungen, die Shiva ausführte und wurde daraufhin vom Gott in Matsyendranath, den ersten Hatha Yoga-Lehrer, verwandelt.

Yoga-Legenden wie diese zeigen, wie tief Yoga in der indischen Tradition verwurzelt ist – so tief, dass sich niemand mehr daran erinnern kann, woher die Übungen eigentlich kommen. Natürlich ist nicht auszuschließen, dass Shiva die Übungen erdacht hat, doch auch wenn es nicht so war: Die Legende lebt weiter und sorgt dafür das jedes Jahr viele hinduistische und buddhistische Pilger in die tibetische Hochebene kommen, um am Berg Kailash zu meditieren. Ihnen gilt er, als Wohnstätte Shivas, als Zentrum des Universums.

Yoga-Legenden um die Geburt großer Meister

Damit ist es der Yoga-Legenden aber noch lange nicht genug. Die meisten großen Yoga-Lehrer wurden zum Beispiel nicht einfach so geboren: Ihr Erscheinen ist immer ein Wunder, ein Mysterium. Goraksha, der als der eigentliche Begründer des Hatha Yoga gilt, ist ein gutes Beispiel dafür. Goraksha war ein Schüler Matsyendranaths, der die Übungen – wie wir oben schon erfahren haben – von Shiva selbst erlernt haben soll. Eines Tages ging Matsyendranath in der Gestalt eines Bettlers zu einer Frau, die traurig darüber war, keine Kinder bekommen zu können. Er gab ihr in seiner Weisheit ein Stück Asche und hieß sie, es zu schlucken. Daraufhin würde sie einen Sohn gebären. Doch die Frau schämte sich und wurde von ihren Nachbarn verspottet und so warf sie die Asche auf den Misthaufen. Zwölf Jahre später kehrte Matsyendranath zurück, um zu sehen, was aus der Frau und ihrem Kind geworden war. Die Frau erklärte erstaunt, sie habe nie ein Kind bekommen. Sie hatte ganz vergessen, was sich damals zugetragen hatte und der Begegnung keine weitere Beachtung geschenkt. Matsyendranath wiederum ging zum Misthaufen und als er mit seinem Stock den Mist zur Seite schob, entdeckte er darunter einen 12-jährigen Jungen, der meditierte. Die überglückliche Frau wollte den Jungen sofort bei sich aufnehmen, doch Matsyendranath erlaubte es nicht und nahm den Jungen mit sich, um ihn auszubilden.

Die Yoga-Legenden haben ihre Wurzeln in längst vergangenen Jahrtausenden.

In den Yoga-Legenden, die vom weiteren Verlauf von Gorakshas Leben erzählen, heißt es, er habe später ein Gelübde abgelegt, erst dann ein vollendeter Yoga-Meister zu werden, wenn er hundertmal hunderttausend Menschen zu Erlösung gebracht habe. Außerdem soll Goraksha die zwölf Söhne Matsyendranaths getötet, sie aber anschließend wiederbelebt haben. Dies lässt darauf schließen, dass Goraksha seinem Lehrer bald haushoch überlegen war. Goraksha soll anderen Yoga-Legenden zufolge auch eine zwölf Jahre währende Dürreperiode ausgelöst haben, weil er sich auf die zwölf Regenschlangen setzte. Und natürlich enden auch die Legenden über Goraksha nicht einfach mit dem Tod des Lehrers, sondern damit, dass er den Tod überwand und als geisterhafter Chiranjivi weiterlebte, der späteren Mystikern und Gurus erschienen sein soll. Wie viel von diesen Yoga-Legenden auch nur annähernd etwas mit der Wirklichkeit zu tun hat, wissen wir heute nicht. Der historische Goraksha lebte vermutlich im 7. Jahrhundert. Mehr wissen wir über ihn jedoch nicht.

Yoga-Legenden über den Ursprung aller Dinge

Älter noch als die Legenden um Goraksha, sind die Yoga-Legenden, die sich um das Leben des indischen Weisen Patañjali ranken. Patañjali gilt als Verfasser der Yoga-Sutras als Vater des Yogas. Man vermutet, dass er zwischen dem 2. und dem 4. Jahrhundert lebte, gesicherte Erkenntnisse gibt es darüber jedoch nicht. Dafür sind aber viele Legenden um seine Person überliefert. So ist zum Beispiel auch seine Geburt legendenumwoben: Seine Mutter, Gonika, soll eine Einsiedlerin gewesen sein, die in asketisch in der Einsamkeit lebte, dort aber natürlich keine Schüler fand, an die sie ihr Wissen weitergeben konnte. In ihrer Verzweiflung betete sie zum Sonnengott Surya und als sie daraufhin ihre Hände ins Wasser tauchte und dann nach oben gen Himmel reckte, fiel ihr eine kleine Schlange in die Arme, die sich bald darauf in einen kleinen Jungen verwandelte, der darum bat, Gonikas Schüler sein zu dürfen. Sein Name, Patañjali, setzt sich deshalb aus den Wörtern „fliegen“ oder „fallen“ (pat-) und „Hände in Gruß- und Bethaltung“ (-anjali) zusammen. Der Legende um seine Geburt verdankt Patañjali auch den Ruf, eine Inkarnation der Weltschlange Shesha zu sein.

Auch um Shesha rankt sich eine Yoga-Legende, die abschließend erwähnt werden soll, der Schöpfungsmythos im Hinduismus. Die Legende erzählt vom großen Hindu-Gott Vishnu, der die verschiedensten Gestalten annehmen kann. In der Gestalt Padmanabhas („er mit dem Lotusnabel“) lag Vishnu im Urmeer treibend auf der Weltschlange Shesha, während aus seinem Bauchnabel eine Lotusblume spross. Aus diesem Lotus entstand dann das Universum. Legenden wie diese gibt es in allen Kulturen der Welt und wir können viel über die Menschen und das Leben erfahren, wenn wir uns mit ihnen auseinandersetzen. Es kann also nicht schaden, neben der Yoga-Praxis auch ein bisschen im reichen Schatz der Yoga-Legenden zu stöbern. Vieles, was bislang rätselhaft erschien, bekommt dann seinen Platz in der Welt.